Zehn-Punkte-Programm zur Stärkung der Bildungskompetenzen im Land Bremen

Im September 2025 wurde ein neuer IQB-Bildungstrend veröffentlicht. Hierfür wurden 2024 die Kompetenzen von Neuntklässler:innen aus allen Bundesländern in den Fächern Mathematik, Biologie, Chemie und Physik getestet. Die aktuelle Studie weist für alle Bundesländer einen starken Handlungsbedarf in Bezug auf die mathematischen und naturwissenschaftlichen Kompetenzen in der 9. Jahrgangsstufe nach. Für das Land Bremen gilt dies ganz besonders, da hier mehr als 50 Prozent der Kinder die Mindeststandards verfehlen. Die getesteten Schüler:innen sind in der „Corona“-Zeit in die 5. Klasse gekommen, doch kann der „Corona“-Effekt die länderübergreifende Verschlechterung der Daten nur teilweise erklären. Für das Land Bremen zeigt sich, dass die Ergebnisse durch die besonderen sozialen Herausforderungen, die das IQB erstmals systematisch berücksichtigt hat, geprägt sind. Es verbleiben allerdings auch nach dem „Herausrechnen“ der sozialen Faktoren die schlechtesten Leistungsergebnisse im Kreis der Bundesländer.

Das Land Bremen setzt bereits systematisch Maßnahmen zur Stärkung der Bildungskompetenzen um: beispielsweise werden die Programme „Mathe sicher können“ und „QuaMath“ sukzessive an allen Schulen ausgerollt, das inzwischen an allen Grundschulen laufende Leseband startet nun auch in den ersten Oberschulen in den fünften und sechsten Klassen, mit 
Apps für Schul-iPads werden die Basiskompetenzen in Mathe und Deutsch gefördert. Die Ergebnisse der aktuellen Studie zeigen jedoch, dass die bisherige Strategie zur Stärkung der Bildungskompetenzen bereits viel früher, nämlich im vorschulischen Bereich ansetzen und sich auf die Entwicklung der sprachlichen, fachlichen und sozialen Kompetenzen in der Grundschule konzentrieren muss. Denn wenn die Kompetenzbasis aus Kita und Grundschule nicht stabil ist, fehlen die Ausgangsbedingungen für eine erfolgreiche Bildungsbiografie in den Sekundarstufen I und II.

Handlungsleitend bei der Stärkung der Bildungskompetenzen sollte dabei stets ein Grundverständnis sein, das davon ausgeht, dass Leistung das Ergebnis von Lernfreude, Motivation und Förderung ist und das Erfolg dort entsteht, wo Kinder neugierig bleiben und ihre Fortschritte sichtbar werden. Die Schul- und Unterrichtsentwicklung ist darauf auszurichten, dass alle gemäß ihren Fähigkeiten das ihnen bestmögliche Lernergebnis erreichen. Eine inklusive Schule stärkt Vielfalt als Ressource: jedes Kind gehört dazu, jedes Talent zählt und die Förderung orientiert sich an den individuellen Voraussetzungen.

Die Bürgerschaft (Landtag) möge beschließen:
Die Bürgerschaft (Landtag) fordert den Senat auf,
1. ein Zehn-Punkte-Programm zur Stärkung der Bildungskompetenzen auf den Weg zu bringen, das folgende Elemente beinhaltet:
a. Auf guten Unterricht kommt es an: Die Unterrichtsqualität im Land Bremen ist systematisch weiterzuentwickeln und mit Priorität an der sprachlichen Entwicklung und der Vermittlung von Basiskompetenzen auszurichten. Lesen, Schreiben und Rechnen sind Kern der Unterrichtsentwicklung. Diese Basiskompetenzen sind durch strukturierte, angeleitete Unterrichtsphasen, tägliche Lesezeiten und formative Diagnostik abzusichern. Dabei sind Daten die Grundlage für eine erfolgreiche Schul- und Unterrichtsentwicklung, die verstärkt über das „Dashboard“ des Instituts für Qualitätsentwicklung im Land Bremen (IQHB) zugänglich und nutzbar zu machen sind. Eine personelle Stärkung des IQHB in seiner Rolle als beratende Instanz ist bereits erfolgt. Es ist zu prüfen, ob das Berliner Konzept der Fachcoaches auch ein Modell für Bremen sein kann, um Unterrichtsentwicklung an den Schulen zu unterstützen.
b. Ausbau Landesprogramm Deutsch: Ausreichende Sprachkompetenzen sind die Basis für erfolgreiches Lernen. Eine frühzeitige Sprachförderung muss auf den verpflichtenden Sprachstandserhebungen ab dem vierten Lebensjahr aufbauen. Es ist ein verbindliches Konzept für die anschließende Frühförderung in der Kita zu erarbeiten, das auf die systematische Vorbereitung auf Schrift- und Zahlspracherwerb auszurichten ist.
c. Landesprogramm Mathematik: Die Kompetenzen in Mathematik und den Naturwissenschaften müssen gezielt und nachhaltig verbessert werden. Dazu sind bestehende Initiativen („Mathe sicher können“, „QuaMath“ u.a.) zu einem Qualitätsprogramm zusammenzuführen. Neben differenzierten Materialien für die Grundschule ist auch ein sprachsensibler Fachunterricht notwendig. Fachfremd unterrichtende Lehrkräfte sind verbindlich zu qualifizieren.
d. Schulen in benachteiligten Quartieren stärken: Um der massiven sozialen Spaltung im Bildungssektor zu begegnen, sind auch weiterhin zusätzliche Schulen aus der Sozialstufe IV („korrespondierende Schulen“) über die Bundesförderung hinaus in das Startchancenprogramm aufzunehmenNeugegründete Schulen der Sozialstufen III-V sollen ab dem Schuljahr 2026/27 eine Stelle für Schulsozialarbeit erhalten. Die Doppelbesetzungen an Grundschulen werden perspektivisch weiter ausgebaut.
e. Schulaufsicht in neuer Rolle: Eine datenbasierte Qualitätsentwicklung an den Schulen kann nur im Zusammenspiel der Schulaufsichten mit dem IQHB, dem LIS, der Abteilung Schulentwicklung und Fortbildung in Bremerhaven (SEFO) und den Fachberater:innen an den Schulen gelingen. Die Schulaufsichten sind in ihrer unterstützenden Rolle zur stärken, hierzu gehört beispielweise die Umsetzung des Instruments der Zielvereinbarungen. Die Schulen nutzen die Daten zu Präsenz, Lernständen und Unterrichtsqualität zur Steuerung und Reflexion. Einheitliche Indikatoren und Berichtsformate sichern die Transparenz und die Datennutzung wird so Bestandteil kollegialer Lernprozesse.
f. Eltern- und Familienarbeit stärken: Die Elternarbeit, Elternbildung und Elternberatung sowohl in der Kita als auch in der Schule sind zu intensivieren. Eine verbindliche Grundschulförderkette von der vorschulischen Förderung über die Einschulung bis zum Jahrgang 4 erfordert die gemeinsame Verantwortungsübernahme von Kita, Schule und Eltern. Um dieses besser möglich zu machen, werden zusätzliche Rückmeldungen zur Entwicklung und Unterstützungsbedarfen des Kindes etabliert.
g. Ausbau und Qualitätsentwicklung des Ganztags: Im Unterschied zu Hamburg hat Bremen eine deutlich niedrigere Ganztagsquote, was mit weniger Lernzeiten, weniger sprachlicher Kommunikation und sozialer Interaktion verbunden ist. Daher ist der Ganztag in Bremen auch unter dem Gesichtspunkt der Kompetenzentwicklung auszubauen. Das Ziel bleibt der rhythmisierte, gebundene Ganztag mit breitem externem Angebot aus den Bereichen Sport, Umweltbildung, Kultur und Co. Der Ausbau auch im Bereich der Sekundarstufe I erfolgt prioritär in sozial benachteiligten Gebieten.
h. Mehr Lernzeit für alle: Die Erhöhung der Lernzeiten ist Voraussetzung für eine verbesserte Kompetenzentwicklung. Dazu muss durch geeignete Maßnahmen der Unterrichtsausfall reduziert werden. Lernzeit muss als schulisches Qualitätsmerkmal etabliert und in Zielvereinbarungen verankert werden. 
i. Entlastung schaffen: Im Rahmen der Möglichkeiten sind Kita und Grundschule bei der Kompetenzentwicklung mit den notwendigen Ressourcen zu unterstützen. Dazu gehört beispielsweise die Entlastung in Kita durch systemische Assistenzen, der Ausbau schulischer Unterstützungsstrukturen und Stärkung der Arbeit in multiprofessionellen Teams. Mittelfristig werden der Ausbau von zusätzlichen temporären Lerngruppen sowie im Rahmen von Modellprojekten kleinere Kita-Gruppen in Kitas mit hohem Sozialindex angestrebt.
j. Mehr Jugendliche zum Abschluss führen: Um kurzfristig mehr Jugendliche zu einem qualifizierenden ersten Schulabschluss zu führen, wird geprüft, wie in der Zeit vor dem Abschluss (Jahrgänge 8 bis 10) gezielte zusätzliche Förderung zur Prüfungsvorbereitung angeboten werden kann, z.B. in Sprachcamps während der Schulferien. Außerdem wird durch zusätzliche geeignete Maßnahmen die Schulmeidung gesenkt.
2. der staatlichen Deputation für Kinder und Bildung sechs Monate nach Beschlussfassung und danach jährlich einen Bericht über die erfolgten Umsetzungsschritte und aktuelle Entwicklungen vorzulegen.

Falko Bries, Heike Kretschmann, Jörg Zager, Mustafa Güngör und Fraktion der SPD
Dr. Franziska Tell, Dr. Emanuel Herold und Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Miriam Strunge, Sofia Leonidakis, Nelson Janssen und die Fraktion Die Linke