Armer Stadtteil – arme Schulen
In der letzten Sitzung des Ausschusses zur Bekämpfung und Prävention von Armut und sozialer Spaltung der Bremischen Bürgerschaft wurde das Thema Bildung aus zwei sehr unterschiedlichen Sichtweisen behandelt. Der Ausschuss hatte zum einen Detlef von Lührte von der senatorischen Behörde für Bildung und Wissenschaft und zum anderen Maresi Lassek, Leiterin der Grundschule am Pfälzer Weg in Tenever eingeladen.
In der letzten Sitzung des Ausschusses zur Bekämpfung
und Prävention von Armut und sozialer Spaltung der
Bremischen Bürgerschaft wurde das Thema Bildung
aus zwei sehr unterschiedlichen Sichtweisen
behandelt.
Der Ausschuss hatte zum einen Detlef von Lührte von der senatorischen Behörde für Bildung und Wissenschaft und
zum anderen Maresi Lassek, Leiterin der Grundschule am
Pfälzer Weg in Tenever eingeladen.
Die Ausführungen der beiden ReferentInnen waren auch deswegen sehr aufschlussreich, weil sie deutlich vor Augen führten, wie unterschiedlich die Sichtweisen des Senats und der Menschen in der praktischen Bildungsarbeit sind.
Als die drei größten Risikofaktoren für Bildungsarmut identifizierte Herr von Lührte einen schlechten Bildungsstand der Eltern, Erwerbslosigkeit der Eltern und Armutsgefährdung. In Bremen kommen alle diese Risikofaktoren überdurchschnittlich häufig zum Tragen. Besonders kritisch wird es, wenn alle drei Faktoren gleichzeitig auftreten. Dies ist in Bremen bei 10,5 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Fall, während es im Bundesdurchschnitt nur 3,4 Prozent sind. Damit belegt Bremen in dieser Statistik den letzten Platz im bundesweiten Vergleich.
Trotz dieser erschreckenden Zahlen rückte Herr von Lührte in seinem Vortrag die Ergebnisse der Politik des Senats in ein positives Licht. So sei Bremen bei der Ganztagsschulbetreuung im bundesweiten Vergleich im Mittelfeld, das Bremer Bildungssystem werde zunehmend durchlässiger, bei der Inklusion gebe es Fortschritte und die Steuerung von finanziellen Ressourcen für die Bildungseinrichtungen über Sozialindikatoren stelle einen sozialen Ausgleich sicher.
Dieser Sicht auf die gegenwärtige Lage in der Bremer Bildungslandschaft widersprach Maresi Lassek sehr deutlich. Ihre Schule liegt in Tenever, 90 Prozent der SchülerInnen haben einen Migrationshintergrund ebenso viele haben eine Blaue Karte. Durch sehr viel persönliches Engagement und viel Einsatz erhielt die Schule am Pfälzer Weg den Deutschen Schulpreis und ist seit etwa 4 Wochen eine gebundene Ganztagsschule.
Lassek stellte heraus, dass eine Verbindung zwischen individueller Armut und Bildungsarmut besteht. Diese Armut überträgt sich auch auf die schulischen Einrichtungen. Viele Dinge sind in ärmeren Schulen schwer oder gar nicht umsetzbar, die in reicheren Einrichtungen und Stadtteilen selbstverständlich sind. Die Kinder verfügten oft über ein sehr eingeschränktes Welt- und Umfeldwissen, sodass die Schule auch in diesem Bereich sehr grundlegende Dinge vermitteln müsse. Außerdem schränke der Mangel an ausreichenden Arbeitsmitteln die Möglichkeiten des Unterrichts deutlich ein. Ärmere Familien verfügten – trotz formaler Lehrmittelfreiheit - oft nicht über ausreichende finanzielle Mittel, um ihre Kinder mit genügend Arbeitsmaterialien auszustatten, so Frau Lassek.
Schon in der Ausschusssitzung zum Thema Kinder- und Jugendarbeit war deutlich geworden, dass LehrerInnen in ärmeren Stadtteilen vielfältige sozialintegrative und –präventive Aufgaben übernehmen müssen. Sie helfen etwa Eltern bei der Korrespondenz und Kontakten mit Ämtern und sind oftmals die einzigen vertrauenswürdigen AnsprechpartnerInnen. Deswegen erhob auch Maresi Lassek die Forderung nach einer Entlastung der LehrerInnen durch eine teilweise Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung.
Lassek plädierte für ein umfassenderes Verständnis von Schule als Bildungszentrum. Dafür müssten die Ressourcen aber deutlich anders verteilt werden und ein Schwerpunkt gerade auf die Schulen in ärmeren Stadtteilen gelegt werden. Zudem müssten die Übergänge an den Schnittstellen zwischen den Bildungseinrichtungen verbessert werden, um eine bessere Durchlässigkeit des Bildungssystems zu erreichen. Gerade bei der Grundschulbildung ist Mehrsprachigkeit ein wichtiges Instrument die Potenziale und Fähigkeit von Kindern mit Migrationshintergrund zu stärken und in den Fokus zu rücken.
All diesen Versäumnissen der Bremischen Politik kann oftmals nur durch individuelles Engagement und einzelne Initiativen an den betroffenen Schulen begegnet werden. So auch an der Schule am Pfälzer Weg, an der seit einigen Jahren das sogenannte KESCH-Projekt (Kinder, Eltern, Schule) vorangetrieben wird, dass Bildung als Familienbildung begreift. Eltern werden durch Angebote mit sozialpädagogischer Unterstützung mit ihren Kindern an die Schule herangeführt und können selbst Themen entwickeln und bearbeiten. Dieses Angebot hat viele positive Effekte gezeigt: Die Eltern nehmen verstärkt an den Elternabenden teil und engagieren sich im Schulleben, es entstehen interkulturelle soziale Beziehungen und sogar Freundschaften und die Kinder kommen besser ausgestattet in die Schule. Dieses erfolgreiche Projekt wird jedoch ausschließlich durch private SponsorInnen getragen und verfügt dadurch nicht über ausreichende Mittel, um allen Unterrichtsgruppen, geschweige denn anderen Schulen, zugänglich gemacht zu werden.
Immer wieder kontrovers diskutiert wird die Frage, ob die Sozialindikatoren ausreichen, um die Benachteiligungen von Schulen in armen Stadtteilen auszugleichen. Herr von Lührte räumte ein, dass das bisherige System die Situation nicht richtig darstellt, andere Bewertungskriterien aber ebenfalls lückenhaft sind. Die Obleute des Ausschusses haben sich inzwischen fraktionsübergreifend verständigt, dass dieser Punkt dringend evaluiert werden muss. Frau Lassek stellte plastisch dar, dass die Reduzierung der Klassengrößen nur am Anfang des ersten Schuljahres greift. Nach dem ersten Halbjahr müssen die Grundschulen, aber auch die Oberschulen im fünften Jahrgang, Schüler und Schülerinnen aufnehmen, die zugezogen sind. Da sich den armen Stadtteilen aber auch die meisten Großwohnanlagen befinden, die Familien Platz bieten, führt dies dazu, dass die Klassen in diesen Stadtteilen im Endeffekt größer sind, als in den wohlhabenderen Stadtteilen. Die politisch richtige Absicht, auf Armutslagen mit kleineren Klassen zu reagieren, greift so nicht.
Diese Sitzung machte mehr als deutlich, wie weit die Realitäten der senatorischen Verwaltung und die der in der Praxis Arbeitenden auseinanderliegen. Abstrakt schön gerechnete Zahlen können nicht über die tatsächlichen Problemlagen hinwegtäuschen. Der rot-grüne Senat muss endlich aufhören sich hinter diesen Zahlen zu verstecken und eine deutliche finanzielle und personelle Verbesserung für Schulen in ärmeren Stadtteilen durchsetzen.
Nils Hesse / Kristina Vogt

