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"Die Freizis sind auf dem Zahnfleisch gelaufen"

Cindi Tuncel ist Sprecher der Fraktion für Jugend, Migration, Sport, Senior*innen, Europa und Internationales

Cindi Tuncel über Veränderungen in der Offenen Jugendarbeit und ihre Rolle in der Coronakrise

Jugendarbeit bezeichnest du als Herzensangelegenheit. Warum?
Gerade in benachteiligten Stadtteilen spielen Jugendfreizeitheime, sogenannte Freizis, eine sehr wichtige Rolle. Jugendliche und Kinder finden in den Pädagog*innen vor Ort Ansprechpartner*innen, Unterstützung und eine weitere Anlaufstelle zwischen Zuhause, Schule und dem Sportverein. Ich selbst bin ja in einem benachteiligten Stadtteil aufgewachsen und habe von dem Angebot der Freizis als Jugendlicher sehr profitiert.

Du bist selbst auch Sozialpädagoge. Hast du denn in der Pandemie viel mit Jugendlichen zu tun?
Ja, aber eher wenn ich als Abgeordneter im Stadtteil unterwegs bin. Wenn nicht gerade Pandemie ist, bin ich als Sozialarbeiter in vielen Stadteilen unterwegs und organisiere unter anderem niedrigschwellige Sport- und Bewegungsangebote für junge Menschen. Aber so etwas war in den vergangenen Monaten nicht möglich.

Was hat sich denn trotz Corona in der offenen Jugendarbeit seit der letzten Wahl verbessert?
Wichtig zu wissen ist dafür zunächst, was lange schlecht lief.

Was lief denn schlecht?
2007 wurden die Freizis privatisiert. Dadurch sind zahlreiche Fachkräfte vor Ort weggefallen. Die Kinder und Jugendlichen haben darunter gelitten, weil die Sozialarbeiter*innen, die sie schon Jahre kannten, plötzlich weg waren. Neues Personal zu finden, wurde für die privaten Träger aber immer schwieriger. Und das Personal, das in den Freizis war, konnte sich nicht wirklich intensiv um die Jugendlichen kümmern, weil sie mit Anträgen beschäftigt waren.

Was mussten sie beantragen?
Dabei ging es um Mittel für Personal, aber auch für politische Bildung und Ausflüge, beispielsweise in den Heide Park Soltau. Diese Mittel wurden mit der Privatisierung immer weniger. Es war ein Kampf. Finanziell sind die Freizis auf dem Zahnfleisch gelaufen, das haben wir geändert.

Was genau ist mit Rot-Grün-Rot anders geworden?
Die Offene Jugendarbeit ist zum ersten Mal mit vier Seiten im Koalitionsvertrag bedacht worden. Wir haben das Thema richtig hoch gehängt. Wir haben dann in den Haushaltsberatungen durchgesetzt, dass die Träger stadtteilübergreifend überregionale Mittel bekommen. Zusätzlich haben wir Extra-Mittel für Bewegungs- und Sportangebote beschlossen. Anerkennungspraktikant*innen haben wir finanziell abgesichert, sodass demnächst angehende Sozialarbeiter*innen in Freizis ihr Pflichtpraktikum beginnen können. So fördern wir den Nachwuchs. Um insgesamt 15 Prozent haben wir die finanziellen Mittel der Offenen Jugendarbeit aufgestockt.

Was heißt das konkret für die Jugendarbeit vor Ort?
Es sind zusätzliche Bewegungs- und Sport- sowie stadtteilübergreifende Angebote möglich gemacht worden, sodass Jugendliche auch mal aus ihren Stadtteilen rauskommen können. Ein Freizi wurde neu gebaut. Allgemein hat das Personal in der Offenen Jugendarbeit jetzt mehr Zeit für die Jugendlichen.

Die Pandemie hat Kinder und Jugendliche sehr in Mitleidenschaft gezogen. Die Bildungsforscher kamen jüngst zu dem Schluss, dass es einem Drittel der Kinder und Jugendlichen „richtig schlecht“ gehe. Was bedeutet das für die Offene Jugendarbeit?
Freizis waren zum Glück noch Anlauforte für die Jugendlichen trotz Lockdown. Das zeigt, wie wichtig es war, sie offen zu lassen. Zumindest für einige junge Menschen war es so möglich, mit Pädagog*innen zu reden und vielleicht auch mal Hilfe bei den Hausaufgaben zu bekommen. Für die Aufgaben nach dem Lockdown brauchen die Freizis ein Sofortprogramm.

Wofür genau?
Freizis brauchen jetzt einen schnellen Zugang zu Mitteln für Ausflüge. Auch geschlechtsspezifische Angebote wären jetzt gut. Es geht darum, einfach mal wegzufahren, Spaß zu haben und Zeit mit den Pädagog*innen zu verbringen. Es müssen viele Gespräche nachgeholt werden. Wie geht es den Jugendlichen? Wie geht es den Eltern? Offen reden geht besonders gut, wenn junge Menschen auch mal rauskommen.

Das haben wir erreicht

Wir haben uns erfolgreich dafür eingesetzt, dass in der Obdachlosenhilfe das Konzept Housing First eingeführt wird. Bei Housing First handelt es sich darum, Obdachlosen als erste Hilfe eine Wohnung mit Betreuung zu stellen. Das ist ein neuer Ansatz, denn bisher liegt die eigene Wohnung am Ende eines längeren Verfahrens, welches häufig abgebrochen wird. Nun wird die eigene Wohnung ohne Vorbedingung zu einer stabilen Basis, von der aus andere Probleme wie Sucht, Arbeitslosigkeit und Schulden angegangen werden. Die Erfahrungen mit diesem Konzept in Berlin zeigen, dass eine eigene Wohnung auch stabilisierend auf andere Lebensbereiche wirkt.

Housing First in Bremen steht erst am Anfang und beginnt mit zunächst 30 Wohnungen; der Erstbezug ist für Oktober 2021 geplant. Außerdem sichert Bremen sich Belegrechte an Wohnungen, die auch für Housing First verwendet werden können. Damit schaffen wir ein innovatives Angebot, mit dem wir Menschen neue Perspektiven und eine Chance auf ein Leben in Würde sowie auf eine selbstständige Lebensgestaltung in den eigenen vier Wänden ermöglichen.

  • Ein Landesprogramm zur gezielten Unterstützung von häufig von Armut betroffenen Alleinerziehenden ist in der Bürgerschaft beschlossen und wird umgesetzt, mit spezifischen Betreuungsangeboten und Beschäftigungsqualifizierung wird ihnen zukünftig deutlich besser geholfen.
  • Für Sozialleistungsbeziehende wurden die Richtsätze für die Kosten der Unterkunft erhöht. Das bezahlbare Wohnungsangebot ist für sie so bedeutend größer als zuvor.
  • Ein Härtefallfonds gegen Energie- und Wassersperren ist eingerichtet und finanziert. Damit sollen die Menschen vor gefährlichen Strom- und Wassersperren geschützt werden, die zur Unbewohnbarkeit der Wohnung und schlimmstenfalls zu Unfällen führen.
  • Die Koalition will Hartz IV überwinden und stattdessen eine armutsfeste Grundsicherung sowie eine Abkehr von Sanktionen schaffen. Im Bundesrat wurden bereits mehrere solcher Initiativen unternommen. Der Weser-Kurier schreibt: „Bremen und Berlin fordern im Bundesrat, Sanktionen gegen junge Hartz-IV-Empfänger zu streichen. Dieser Anstoß ist überfällig – zielt er doch darauf ab, in Teilen ohnehin tote Regelungen des Sozialgesetzbuches endlich angemessen zu beerdigen.“
  • Bremen setzt sich auf Bundesebene dafür ein, dass Elterngeld und Kindergeld nicht mehr auf Grundsicherungsleistungen angerechnet werden sollen.
  • Die Mittel für die Obdachlosenhilfe wurden erheblich aufgestockt. Weitere Lösungen müssen nun vor allem für die durch Bundesrecht vom Sozialleistungsbezug ausgeschlossenen Gruppen und die schwierige Situation im Bahnhofs-Umfeld gefunden werden.
  • Wir haben die Schuldner*innenberatung ausgeweitet und die Mittel aufgestockt. Nun können auch Studierende, Soloselbstständige und Künstler*innen das kommunal finanzierte Angebot wahrnehmen.
  • Ein neues Förderprogramm lebendige Quartiere stärkt die soziale Gerechtigkeit in den Stadtteilen über entsprechende Initiativen. Die Instandhaltung von Spielplätzen wird verbessert und Kinder werden verstärkt in die Gestaltung einbezogen.
  • Oslebshausen bekommt einen Runden Tisch. Anlass ist der Bau und die Inbetriebnahme der geplanten Klärschlammverbrennungsanlage im bereits stark belasteten Stadtteil. Am Runden Tisch sollen sowohl der zuständige Beirat als auch die Bürgerinitiative „Oslebshausen und Umzu“ beteiligt werden. Ziel des Gremiums ist es, die Belastungen der Anwohner*innen am Industriehafen etwa durch Gerüche nicht weiter zu erhöhen.
  • Die Aufwendungsvergütung für die Übungsleiter*innen der Sportvereine ist substanziell erhöht worden: Sie bekommen nun 4 Euro pro Stunde als Aufwandsentschädigung statt vormals 3 Euro.
  • Die Mittel für die Sanierung der Sportanlagen wurden erheblich gesteigert.
  • Der Bau des Westbades und des Horner Bades wird nun ausfinanziert. Der Eintritt für Schulkinder und alle ermäßigten Gruppen in den Freibädern wurde auf 1 Euro gesenkt. Die Mittel zur Sanierung der bestehenden Bäder sind deutlich erhöht worden.
  • Jugendbeiräte erhalten ein eigenständiges Budget. Jugendverbandsarbeit und internationale Austauschprojekte werden ausgebaut.
  • Die Flutlichtanlagen auf Bremer und Bremerhavener Sportplätzen werden auf LED-Flutlichtstrahler umgerüstet. Die Strahler verbrauchen weniger Strom und sind haltbarer als die bisher genutzten Leuchtstoffröhren. Die Vereine werden dadurch stark entlastet.
  • Wir haben ein 1000-Bänke-Programm für mehr Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum, insbesondere für Senior*innen und Obdachlose aufgelegt.
  • Die Pflegestützpunkte und die aufsuchende Altenarbeit werden ausgebaut.