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von Dr. Christoph Spehr

Der Lichtbringer – ein Hitler-Denkmal

Zugegeben, man erkennt es nicht gleich. Aber das goldene Relief „Der Lichtbringer“ ist ein Denkmal für Adolf Hitler – das einzige öffentliche Hitler- Denkmal, das heute noch steht. Die kleinen Figuren im Hintergrund heben die Hand zum Hitler-Gruß. Der „Lichtbringer“ mit dem Schwert stellt niemand anders dar als Hitler selbst.

Der Künstler Bernhard Hoetger wollte mit dem Relief zum Ausdruck bringen, „wie sehr ich unseren Führer und seine Taten verehre.“ Bis 1936 befand sich am Eingang der Böttcherstraße eine expressionistische Glasskulptur. Diese wurde abgenommen und durch den „Lichtbringer“ ersetzt. Den Auftrag dazu erteilte der Bremer Kaufmann Ludwig Roselius, der die Böttcherstraße 1922-1931 hatte bauen lassen.

Leider weist bis heute keine Hinweistafel auf die faschistische Geschichte des goldenen Prachtreliefs hin. Der Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen hatte im März 2012 eine solche Hinweistafel angekündigt – geschehen ist bis heute allerdings noch nichts.


Ludwig Roselius, der Bremer Industrielle und Gründer der Marke „Kaffee HAG“, lernte Hitler 1922 in Bremen kennen und unterstützte ihn von da an. Roselius‘ politisches Denken war von einem völkischen Nationalismus geprägt. Auch der Bau der Böttcherstraße, den er finanzierte, stand für Roselius in diesem Zusammenhang: „Die Wiedererrichtung der Böttcherstraße ist ein Versuch, deutsch zu denken.“ Die künstlerische Gestaltung der Böttcherstraße übertrug Roselius dem Bildhauer Bernhard Hoetger, der in Worpswede gearbeitet hatte und ebenfalls mit den Nazis sympathisierte. In der Böttcherstraße gibt es viele Anspielungen auf die deutschnationale Mythologie, der Roselius und Hoetger anhingen. Sie sahen in den „arischen Germanen“ eine überlegene Rasse, die direkt vom sagenhaften Kontinent Atlantis abstammte – daher auch das „Haus Atlantis“. Die Machtübernahme durch die Nazis 1933 wurde von Roselius und Hoetger mit Begeisterung begrüßt.  

Der Kulturkampf zwischen Rosenberg und Göbbels

Nach 1933 kam es innerhalb der Nationalsozialisten zu einem kulturpolitischen Richtungskampf („Expressionismusstreit“). Alfred Rosenberg, Weggefährte Hitlers und Autor der einflussreichen antisemitischen und antimodernen Hetzschrift „Der Mythos des 20.Jahrhunderts“, wurde 1933 Reichsleiter für Weltanschauung. Er prägte den Begriff der „entarteten Kunst“, unter die er alle modernen Stile fasste, und ließ einzig einen heroisch überzeichneten Naturalismus als „deutsche Kunst“ gelten. Joseph Göbbels dagegen, der Reichspropagandaminister, unterstützte die Kunstrichtung eines „nordischen“ Expressionismus, zu dem er Künstler wie den Maler Emil Nolde und den Bildhauer Ernst Barlach zählte. Viele Künstler dieser Richtung hingen deutschnationalen, antisemitischen und nationalsozialistischen Ideologien an.

Rosenberg setzte sich schließlich durch, was in der programmatischen Doppelausstellung des Jahres 1937 gipfelte: Der ersten „Großen Deutschen Kunstausstellung“ im Haus der Kunst in München und der parallelen Ausstellung „Entartete Kunst“ im Münchner Hofgarten. Hitler erklärte zur Eröffnung der Kunstausstellung: „Wir werden von jetzt ab einen unerbittlichen Säuberungskrieg führen gegen die letzten Elemente unserer Kulturzersetzung.“ Bilder von Emil Nolde wurden auf der Schau „Entartete Kunst“ besonders hervorgehoben. Nolde protestierte in einem Brief an Göbbels: Er habe „als fast einzigster deutscher Künstler im offenen Kampf gegen die Überfremdung der deutschen Kunst“ gestanden und sei NSDAP-Mitglied der ersten Stunde. Die Richtungsentscheidung war jedoch gefallen.

Roselius war damit kulturpolitisch auf der Verliererseite. Die Anbringung von Hoetgers „Lichtbringer“ im April 1936 war vor diesem Hintergrund ein Versuch, die besondere Loyalität der Böttcherstraße zum Nationalsozialismus zu unterstreichen. Im September 1936 griff Hitler dennoch auf dem Nürnberger Reichsparteitag die Böttcherstraße scharf an: „Wir haben nichts zu tun mit jenen Elementen, die den Nationalsozialismus nur vom Hören und Sagen her kennen und ihn daher nur zu leicht verwechseln mit undefinierbaren nordischen Phrasen und die nun in irgendeinem sagenhaften atlantischen Kulturkreis ihre Motivforschungen beginnen. Der Nationalsozialismus lehnt diese Art von Böttcherstraßen-Kultur schärfstens ab.“

Die Böttcherstraße und die Kriegsproduktion

Der Böttcherstraße passierte jedoch nichts. Am 7.Mai 1937 erschien im Gesetzblatt der Freien Hansestadt Bremen die Mitteilung, dass die Böttcherstraße komplett unter Denkmalschutz gestellt wurde. Eine Begründung wurde nicht angegeben. Dass die Böttcherstraße explizit als Beispiel „entarteter Kunst“ unter Denkmalschutz gestellt worden sei, ist eine Legende. Es gab im NS-Reich keine Denkmäler für „entartete Kunst“.

Hitler brauchte Roselius. 1936 wurden die Flugzeugwerke Focke-Wulf, an denen Roselius Anteile hatte, neu aufgestellt mit einer Kapitalaufstockung von 151.000 Reichsmark. Roselius brachte den Großteil des Kapitals und hielt nun 46% an Focke-Wulf; ein weiterer großer Teil kam von dem amerikanischen Industriellen Sosthenes Behn und seinem Konzern ITT, der sich über seine Tochterfirma Lorenz mit 28% an Focke-Wulf beteiligte. Focke-Wulf war ein kriegswichtiges Unternehmen. Vermutlich spielte Barbara Götte, eine langjährige Freundin Roselius‘, bei der Vermittlung zwischen Hitler und Roselius eine wichtige Rolle. Für Roselius und Behn war es ein enorm profitables Investment, für das NS-Regime ein wichtiger Schritt in der Vorbereitung des Angriffskriegs, auch durch den Zugriff auf Technologie und Patente, den die Verbindung mit ITT brachte. Ein bizarrer Ausläufer dieses Bündnisses war es, dass ITT 1967 erfolgreich auf Schadensersatz durch die amerikanische Regierung klagte für die Zerstörung ihrer Produktionsanlagen auf deutschem Boden durch die amerikanische Luftwaffe.

Bernhard Hoetger, der Künstler des „Lichtbringers“, wurde von Roselius fallengelassen und erhielt keine Aufträge mehr von ihm. Hoetger wurde 1938 aus der NSDAP ausgeschlossen. 1943 emigrierte er in die Schweiz. Ludwig Roselius dagegen blieb bis zu seinem Tod 1943 eine einflussreiche Stütze des NS-Regimes.  Er blieb Mitglied der „Akademie für Deutsches Recht“ und Fördermitglied der SS und war 1937 Ehrengast bei der Eröffnung der „Großen Deutschen Kunstausstellung“. Das Verhältnis zwischen Roselius und dem NS-Regime war allerdings auch von gegenseitigem Misstrauen geprägt. Die NSDAP lehnte seinen Aufnahmeantrag zweimal ab. Roselius entzog 1937 seine Mehrheitsanteile an Kaffe HAG einem möglichen Zugriff der Nazis, indem er sie in die Schweiz verlagerte.

Seinem Freund Alfred Faust verschaffte Roselius nach dessen Entlassung aus KZ und Haft eine Anstellung in Berlin, beim Angelsachsenverlag, den Roselius 1921 gegründet hatte und der ihm gehörte. Der sozialistische Journalist Faust war beteiligt gewesen an der Bremer Räterepublik, war 1920 bis 1933 Abgeordneter in der Bremischen Bürgerschaft (erst für die USPD, dann für die SPD) und wurde im November 1932 in den Reichstag gewählt. Im April 1934 wurde er von den Nazis verhaftet, im KZ Mißler in Findorff schwer misshandelt und anschließend in der Ostertor-Wache interniert. Roselius kannte Faust seit 1914, als dieser Werbeleiter bei Kaffee HAG wurde. Auf der Verlagsstelle in Berlin arbeitete Faust bis 1944, dann floh er ins Elsaß. 1950 bis 1961 war er Pressesprecher des Bremer Senats.

Roselius war kein Mitläufer. Er hat den Aufstieg Hitlers aktiv unterstützt und gehörte zu seinen Finanziers. Roselius war Anti-Demokrat und ein Feind der Weimarer Republik. Er machte profitable Geschäfte mit den Nazis und trug über sein Investment bei Focke-Wulf direkt zum Angriffskrieg bei. Für das NS-Regime waren Roselius‘ internationale Kontakte von hohem Nutzen, sowohl materiell als auch dadurch, dass die Regimetreue von global agierenden Industriekapitalisten wie Roselius für das NS-Regime international akzeptanzfördernd wirkte. Als es zu Konflikten mit dem NS-Regime kam, arrangierte Roselius sich. Zu einem Bruch kam es nie.

Der „Lichtbringer“ am Eingang der Böttcherstraße ist ein Zeugnis dieses loyalen Arrangements. Er ist ein Zeuge dafür, dass das deutsche Industriekapital und die große Mehrheit der bürgerlichen Eliten den Nationalsozialismus aktiv unterstützten, ihn mit an die Macht brachten und ihn mit an der Macht hielten. 

Dr. Christoph Spehr