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Verlust von Flügelausrüstung im deutschen Flugzeugbau droht: Kernkompetenz am Bremer Airbus-Standort erhalten, „Flugzeug von morgen“ gemeinsam entwickeln!

Dringlichkeitsantrag der Fraktionen der SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, DIE LINKE, der CDU und der FDP

12.000 Beschäftigte in 140 Unternehmen: Die Luft- und Raumfahrtbranche ist in Bremen eine Schlüsselindustrie und trägt maßgeblich zur Entwicklung Bremens als Hochtechnologie-Standort bei. Allein Airbus Commercial zählt in Bremen fast 2.500 Beschäftigte, die u.a. in der Konstruktion, Fertigung, Integration als auch der Erprobung von Hochauftriebssystemen für die Flügel der Airbus-Modelle A330 und A350 tätig sind. Mit den zwei Airbus-Divisio-nen, Airbus Commercial und Airbus Defence and Space, sowie der Ariane-Group und Premium Aerotec, ist die Vielfalt an Divisionen und Kompetenzen in Bremen einzigartig. Bremer Wissenschaft und Forschungseinrichtungen wie der ECOMAT stärken diese Struktur und die Ausstrahlung des Bremer Standortes. Damit bietet der Standort Bremen herausragende Perspektiven für die zukunftsgerichtete Entwicklung und industrielle Fertigung von Flugzeugen und Flugzeugsystemen einer neuen klimafreundlicheren Generation.

Die Corona-Pandemie hat die gesamte Branche und damit auch Airbus in eine schwere Krise gestürzt. Bereits im April/Mail 2020 folgte die Ankündigung des Airbus-Konzerns, Stellen abzubauen. Um den Stellenabbau im Airbus-Konzern sozial abzufedern, schloss der Konzernbetriebsrat mit dem Unternehmen im September 2020 einen Interessenausgleich und einen So-zialplan ab, wonach bis Ende März 2021 auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet und an Beschäftigte appelliert wurde, freiwillig auf der Grundlage eines Abfindungsprogramms aus dem Betrieb auszuscheiden. Eine entsprechende Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft wurde eingerichtet.

Als weitere Reaktion auf die Krise wurde die Produktion heruntergefahren. Dies wird bei den Langstreckenflugzeugen A330 und A350 voraussichtlich länger der Fall sein als bei den kleineren Flugzeugen. Das Bremer Airbus-Werk braucht eine klare Perspektive über die aktuelle Krise hinaus. Das Bremer Werk verfügt über langjährige Expertise und entsprechend qualifizierte Fachkräfte in der Flügelausrüstung. Die Bremer Kom-petenz umfasst das gesamte Portfolio von der Konzeption des Flügels, dem Engineering, der Konstruktion, Tests (z.B. im Windkanal am Standort) bis hin zur Kundenbetreuung.

Die divisionsübergreifenden Kompetenzen und das enge Zusammenwirken von Engineering und Fertigung sind für weitere Innovationsprozesse von enormer Bedeutung. Das Forschungs- und Technologiezentrum ECOMAT, das sich mit dem Leichtbau befasst, und die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft sind entscheidende Faktoren, um diese Innovationsprozesse zu beschleunigen. Oberste Priorität aller Entscheidungen ist es, den Bremer Standort in der direkten Fertigungskette des Flugzeugbaus zu halten und ihn an der Entwicklung des „Flugzeugs von morgen“ zu beteiligen. Verlagerungen sind nur im Tausch gegen eine andere Schlüsseltechnologie in der direkten Flugzeugfertigung in gleichem Umfang und Volumen von Engineering und Produktion für den Standort Bremen akzeptabel. Das besondere Knowhow des Bremer Airbus-Werkes mit seinen regionalen Kooperationspartnern ist also der Ausgangspunkt für jede Strategie zur langfristigen wirtschaftlichen Entwicklung dieses Standortes. Dabei gilt es folgende Handlungsfelder in den Fokus zu nehmen:
• Weiterentwicklung der exzellenten Kernkompetenzen im Wing-High-Lift-Sys-tem
• Aufbau weiterer Kernkompetenzen im direkten Flugzeugbau von der Entwicklung bis zur industriellen Fertigung einer neuen klimaneutrale Flugzeuggeneration
• Stabilisierung und Weiterentwicklung der regionalen Zuliefererlandschaft mit vielen kleinen und mittleren Unternehmen
• Weiterentwicklung der Forschungs- und Ausbildungslandschaft, um den Transformationsprozess vor dem Hintergrund der Digitalisierung und der Klimaherausforderungen für die Belegschaften und die Unternehmen zu ermöglichen
• Die Kooperation der norddeutschen Standortländer Bremen, Niedersachsen und Hamburg – als das industrielle Zentrum der Flugzeugbaus – zu stärken
Die Klimakrise beschleunigt sich. Der Flugverkehr trägt erheblich dazu bei. Die Entwicklung der nächsten Flugzeuggeneration muss daher mit Hochdruck vorangetrieben werden. Die konventionelle Bauweise der Verkehrs-flugzeuge hat auf mittlere Sicht auch ökonomisch keine Zukunft. Der Bremer Standort bietet ein Bündel aus Fachkompetenzen und Forschungsinfrastruk-turen, um einen substanziellen Beitrag für die Aufstellung des Konzerns im Zukunftsmarkt des ökoeffizienten Fliegens zu leisten. Auch die jüngsten Beschlüsse zum Aufbau einer Wasserstoff-Ökonomie belegen das systematische und langfristige Engagement der öffentlichen Hand, um diese Zukunftstechnologien am Standort Bremen zu fördern.
Die „High-Lift-Technologie“ ist für die zukünftige Entwicklung von Green Flying und alternative Antriebsarten von enormer Bedeutung. Die Auftriebs-kräfte der Flügel entscheiden über den Energieverbrauch zukünftiger Flugzeuge.

Aus all diesen Gründen ist die seitens des Airbus-Konzerns ins Spiel gebrachte Perspektive eines Repair-Geschäfts mit Reparatur-, Umrüstungs- und Wartungslösungen kein Ersatz für eine Schlüsselkompetenz wie die Flügelausrüstung. Da mit einer solchen Veränderung der Fertigungsbereich ent-fiele, ist dieser Geschäftszweig kein hinreichender Garant für Beschäftigung und lässt wichtige Synergien für Forschung und Entwicklung gänzlich außer Acht.

Die Belegschaftsvertreter*innen und ihre Gewerkschaft befürchten, dass durch diese Pläne die Zukunftsperspektive des Bremer Standortes gefährdet ist und mittelfristig hochqualifizierte Arbeitsplätze in Bremen verloren gehen.

Tragfähiger wäre der Alternativvorschlag aus dem Kreis der Belegschafts-vertreter*innen, einen Tausch der Flügelausrüstung des A330 und A350 mit dem Bau und der Ausrüstung des Flügels des A320 zwischen Bremen und Broughton vorzunehmen. Die Kompetenzen zum Bau des A320-Flügels sind in Bremen vorhanden. Gespart würden damit die Transportkosten der A330- und A350-Flügel von Broughton nach Bremen sowie des A320-Flügels von Broughton nach Hamburg. Die verbleibenden Transportkosten von Bremen nach Hamburg per LKW wären wesentlich günstiger und ökologischer.

Die Verteilung auf die Standorte ist auf die politische Übereinkunft der beteiligten europäischen Staaten mit dem Konzern zurückführen, nach dem jeder Standort mit einem für den Flugzeugbau systemrelevanten Arbeitspaket zur Absicherung der Kernkompetenz an der Fertigungskette ausgestattet werden soll. Das Airbus-Werk in Bremen ist das einzige Werk in Deutschland, das die umfassende Prozesskette Flügelausrüstung-High-Lift anbietet.

Die Airbus Group ist ein Konzern, in dem der französische und der deutsche Staat zu gleichen Teilen die bestimmenden Anteilsinhaber sind. Wir erwarten von der Bundesregierung, keinen Abbau von deutschen Standorten zuzulassen und auf die Absicherung des Standortes Bremen mit einem für den Flug-zeugbau systemrelevanten Arbeitspaket in der Fertigungskette zu bestehen. In allen großen Industrienationen ist der Flugzeugbau von besonderer politischer Bedeutung. Die Aufteilung der Produktion zwischen den Standorten ist politisch verabredet. Wenn diese Verabredung vom Konzern in Frage gestellt wird, ist politisches Handeln notwendig.

Die Bürgerschaft Landtag erwartet daher vom Senat, auch als Anteilseigner, ein entschiedenes Engagement für das Bremer Airbus-Werk und für die Absicherung der systemrelevanten Arbeitspakete und Kompetenzen für das ökoeffiziente Fliegen der Zukunft.

Die Bürgerschaft (Landtag) möge beschließen:
1. Die Bürgerschaft (Landtag) steht entschlossen zum Bremer Airbus-Standort und unterstützt alle Anstrengungen, die Forschung und Entwicklung, die Pro-duktion wesentlicher Komponenten und die qualifizierte Beschäftigung vor Ort zu sichern.
2. Die Bürgerschaft (Landtag) fordert den Senat auf, sich auf Bundes- und europäischer Ebene weiterhin für den Verbleib der Flügelausrüstung am Airbus- Standort Bremen einzusetzen. Die „Prozesskette Wing-High-Lift“ ist eine Kernkompetenz der Flugzeugfertigung in der deutschen Luftfahrtindustrie.
3. Die Bürgerschaft (Landtag) fordert die Bundesregierung auf, ihren Einfluss zu nutzen, um für alle deutschen Standorte ein für den Flugzeugbau systemrelevantes Arbeitspaket abzusichern.
4. Die Bürgerschaft (Landtag) stellt fest: Oberste Priorität aller Bemühungen ist es, den Bremer Standort in der Fertigungskette des Flugzeugbaus zu halten und ihn an der Entwicklung des „Flugzeugs von morgen“ zu beteiligen.
5. Die Bürgerschaft (Landtag) sieht das Repair-Geschäft als zukunftsfähiges und der Nachhaltigkeit dienliches weiteres Arbeitsfeld an, es stellt jedoch keinen Ersatz für die Kernkompetenz in der Prozesskette in der Flugzeugproduktion dar.
6. Die Bürgerschaft (Landtag) sieht im Bremer Standort großes Potenzial für die weitere Entwicklung nachhaltiger Zukunftstechnologien in den Feldern „grünes Fliegen“ und Wasserstoff- und Materialforschung. Mit der Verbindung aus Engineering- und Fertigungskompetenz, dem Vorantreiben divisionsübergreifender Synergieeffekte in Zusammenarbeit mit der lokalen Forschungslandschaft und der bestehenden Kompetenzbündelung aus Wirtschaft und Wissenschaft (z.B. im Rahmen des ECOMAT) liegen ideale Voraussetzungen vor, zukunftsweisende Forschung und Entwicklung in Bremen voranzubrin-gen.
7. Die Bürgerschaft (Landtag) fordert den Senat auf, der staatlichen Deputation für Wirtschaft und Arbeit fortlaufend und regelmäßig zu berichten.

Volker Stahmann, Mustafa Güngör und Fraktion der SPD
Robert Bücking, Björn Fecker und Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Ingo Tebje, Nelson Janßen, Sofia Leonidakis und Fraktion DIE LINKE
Christoph Weiss, Carsten Meyer-Heder, Thomas Röwekamp und Fraktion der CDU
Lencke Wischhusen und Fraktion der FDP


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