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Tebje: Klimaschutzrelevantes Handwerk

Klimaschutzrelevantes Handwerk durch Qualifizierung stärken

Große Anfrage der Fraktionen Bündnis 90/Die Grünen, der SPD und DIE LINKE: Die Arbeitswelt verändert sich, getrieben durch Digitalisierung und Globalisierung aber vor allem durch die ökologische Transformation. Arbeitsplätze fallen weg, andere verändern sich, wieder andere entstehen komplett neu.

Die Arbeitswelt verändert sich, getrieben durch Digitalisierung und Globalisierung aber vor allem durch die ökologische Transformation. Arbeitsplätze fallen weg, andere verändern sich, wieder andere entstehen komplett neu. Über eine qualifizierte Ausbildung hinaus sind in vielen Branchen heute oft (zusätzliche) grüne Kompetenzen gefordert – wie zum Naturschutz, zu umweltfreundlichen Baumaterialien, zum energie- und ressourcenschonenden Umgang am Arbeitsplatz, zur Kreislaufwirtschaft, Energiespartechnik oder zu behördlichen Umweltauflagen. Einen der stärksten Zuwächse bei den erforderlichen grünen Kompetenzen gab es im Bereich Gebäude und Bau, zum Beispiel mit Blick auf Heiz- und Klimatechnik, Altbausanierung, Wasser- und Stromversorgung, Beleuchtungstechnik et etera Gerade im Bereich der energetischen Sanierung wächst die Anforderung an das Handwerk nach anspruchsvollen Beratungsleistungen bis hin zu möglichst integrierten, aufeinander abgestimmten Komplettlösungen.

Zusätzlich verschiebt sich der Fachkräftebedarf: Während in Industrien, die traditionell stark von fossilen Energieträgern geprägt sind, weniger Arbeitskräfte benötigt werden, steigt der Bedarf an Fachkräften in den Bereichen der Produktion und der Entwicklung erneuerbarer Technologien und vor allem im Bau- und Ausbauhandwerk, Rohrleistungs- und Tiefbau. Die Klimaschutzstrategie der Enquete-Kommission erachtet eine Verdopplung bzw. Verdreifachung der Sanierungsrate im Vergleich zu heute und eine Verdopplung des Fernwärmenetzes für notwendig, um die Klimaziele einzuhalten. Daran ist leicht zu erkennen, dass nicht nur neue Kompetenzen gefragt sind, sondern auch ein erheblich größerer Bedarf an Handwerksfachkräften generell besteht. Die Prognos-Studie im Auftrag der Arbeitnehmerkammer Bremen „Ökologische Transformation und duale Ausbildung in Bremen“ stellt fest, dass in allen untersuchten Bau- und Ausbauhandwerksberufen ebenso wie im Bereich des nachhaltigen Verarbeitenden Gewerbes und der Energiewirtschaft der Bedarf an Fachkräften mit den aktuellen Ausbildungsquoten nicht gedeckt werden kann.

Der Blick auf bereits existierende Folgen des Klimawandels und die erforderlichen Schritte zur Erreichung der Klimaneutralität des Landes Bremen macht klar, dass das Handwerk unverzichtbarer Partner bei Klimaschutz und Energiewende ist. Denn die notwendigen Veränderungen müssen in der Realität praktisch umgesetzt werden. Erneuerbarer Strom durch Photovoltaik, Energieeffizienz durch energetische Sanierungen und erneuerbare Wärme durch Wärmepumpen, Solarthermie und Fernwärmeleitungen sind entscheidende Säulen des Klimaschutzes und verdienen deshalb besondere Priorität bei der Fachkräftegewinnung. Sie schaffen zukunftsfeste und gut bezahlte Arbeitsplätze in Kli-maschutzberufen. Das Land Bremen will diese wirtschaftlichen Chancen nutzen und sieht die Notwendigkeit, genügend Arbeitskräfte zur Deckung des Bedarfes auszubilden. Ein wesentlicher Beitrag dazu ist die gezielte Weiterbil-dung von Fachkräften.

Elektrische Wärmepumpen, die mit Solar- und Windstrom betrieben werden, sind klimafreundlich und kostengünstig. Mittlerweile stellen Wärmepumpen zudem auch in Bestandsgebäuden eine gute Alternative zu fossilen Erdgaskesseln dar. Daher wächst der Markt beständig. Allein im letzten Jahr ist der Absatz von Wärmepumpen bundesweit um 40 Prozent gestiegen. Mit steigendem CO2-Preis in den kommenden Jahren und gegebenenfalls wegfallenden Stromkostenbestandteilen für Wärmepumpen wird sich dieser Trend weiter fortset-zen. Ein Ausbau des Know-hows zur Integration von Wärmepumpen im Neubau und Gebäudebestand bietet hervorragende Zukunftsaussichten für Hand-werksunternehmen. Für Meister:innen und Gesell:innen, die bislang überwiegend fossile Gas- und Ölheizungssysteme installiert haben, ergibt sich somit teilweise ein Nachschulungsbedarf. Ein vergleichbares Arbeitsplatzpotenzial entsteht bei der Erzeugung von erneuerbarem Strom und Wärme. Solaranlagen produzieren auf Dächern seit Langem profitabel Energie und sind für viele Gebäude mit geeigneten Dächern hochattraktiv. Die beschlossene Solarpflicht soll dafür sorgen, dass die dezentrale Nutzung von Solarenergie zur breit genutzten Technik wird. Die daraus entstehende zusätzliche Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften für Solartechnik zu decken, ist eine wichtige Aufgabe.

Entscheidend für die gut funktionierende Gebäudetechnik und damit die Zufriedenheit der Bewohner:innen mit der Energiewende ist, dass Wärmepumpe, energetische Sanierung und Solaranlage gut konfiguriert und aufeinander abgestimmt sind. Die Herausforderung besteht dabei mehr denn je darin, unterschiedliche Teilsysteme zu integrieren. Vor dem Hintergrund liegt es daher nahe, die Zusammenarbeit des Dachdeckerhandwerks mit dem Elektrohandwerk zu stärken und darüber hinaus das Kälte-/Klima-Handwerk mit dem Sanitär- Heizung-Klima-Handwerk und dem Malerhandwerk bei der Wärmedämmung künftig enger zu verzahnen. Denn eine abgestimmte Planung und Installation der Dach- und Anlagentechnik kann den Know-how-Transfer vereinfachen sowie dazu beitragen, mehr Anlagen in Betrieb zu nehmen und diese kostengünstig und energieeffizient zu betreiben, da Leerlaufzeiten auf Baustel-len und Fehler in der Anlagenkonfiguration vermieden werden.

Wir fragen den Senat:

1. Welche Maßnahmen und Programme sind aus Sicht des Senats geeignet, um die duale Ausbildung in klimarelevanten Handwerksberufen weiter zu stärken, wie etwa eine klimaschutzrelevante Berufsorientierung in allen weiterführenden Schulformen oder eine Imagekampagne zur Attraktivierung von Handwerksberufen? Welche Initiativen gehen dabei von privaten Firmen, Kammern und Verbänden aus?
2. Wie bewertet der Senat die Qualität der Ausbildungen im Handwerk, vor allem im Bau- und Ausbaugewerbe, in Bremen und wie die technische Ausstattung (vor allem die für den Beruf relevante Ausstattung) in den Be-rufsschulen?
3. Auf welche Weise wird sichergestellt, dass in klimaschutzrelevanten Handwerksberufen tatsächlich klimaschutzbezogene Inhalte auf dem aktuellen technischen Stand vermittelt werden, und dass die Klimaschutzrelevanz von Handwerksberufen auch für die Bewerbung dieser Ausbildungsgänge genutzt wird?
4. Welche weiteren Maßnahmen und Programme hält der Senat für geeignet, um Menschen einen Berufsabschluss und damit eine Qualifikation im klimaschutzrelevanten Handwerk zu ermöglichen und damit einem Fachkräftemangel/-engpass zu begegnen, zum Beispiel in Form überbetrieblicher Ausbildungen oder der Ausdehnung des Qualifizierungsbonus auf Beschäftigte ohne berufsqualifizierenden Abschluss?
5. Welche Maßnahmen plant der Senat zur Behebung des Fachkräfteman-gels im Bereich des klimaschutzrelevanten Handwerks? Wie plant der Senat, vermehrt Frauen für die Handwerksausbildung zu gewinnen, beispielsweise über Teilzeitausbildungsformate? Wie können gezielt Menschen mit Migrationshintergrund für die Ausbildung im Handwerk angesprochen und gewonnen werden?
6. Welche Weiterbildungsmöglichkeiten plant der Senat für den Bereich klimaschutzrelevanter Berufsfelder? Inwiefern können klimaschutzrelevante Aspekte weiter in den Ausbildungsordnungen des Handwerks integriert werden? Welche Möglichkeiten (Kurse, Programme und Initiativen) gibt es, um in die Ausbildungen im Handwerk berufsspezifische klimaschutz-relevante Aspekte zu integrieren, abgesehen von Anpassungen der Ausbildungsordnungen? Wie können gewerksübergreifende Aus- und Weiter-bildungen unterstützt werden, zum Beispiel über Ausbildungsverbünde? Wie steht der Senat zu einem Zertifizierungsprogramm für Klimaschutz-Handwerker:innen?
7. Welche Impulse plant der Senat, um den Kammern Maßnahmen zur Kompetenzerweiterung für den Bereich Wärmepumpen anzuregen? Und welche möglichen Impulse sieht der Senat, um Sanitär-Heizung-Klima-Betriebe, Malerhandwerksbetriebe und Kälte- und Klimatechnik-Betriebe enger miteinander zu verzahnen?
8. Welche Impulse plant der Senat gemeinsam mit den Kammern, um Photovoltaik-Fachbetriebe zu stärken, und welche Möglichkeiten sind denkbar, um installierende Betriebe von Photovoltaikanlagen und das Dachdeckerhandwerk enger zu verzahnen?
9. Wie denkt der Senat über die Einrichtung dualer Studiengänge mit Fokus auf klimaschutzrelevante Handwerksberufe (zum Beispiel Gebäudetechnik und Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik), um Menschen für das Handwerk zu gewinnen?
10. Welche Möglichkeiten bestehen aktuell im Land Bremen für Handwerker:innen mit Berufserfahrung zum Hochschulzugang ohne Abitur? In welcher Weise können dafür auch duale Studiengänge in Frage kommen, und welche Angebote bestehen, damit eine solche Weiterqualifizierung für Berufstätige auch wirtschaftlich darstellbar ist?
11. Sieht der Senat Möglichkeiten, um das Projekt „HandwerksAusbildung für Klimaschutz“ (HAKS) wieder neu aufzulegen?
12. Welche Instrumente hält der Senat für geeignet, um Fachkräften in Betrieben Fort- und Weiterbildung in klimaschutzrelevanten Aspekten besser zugänglich zu machen?
13. Welche Möglichkeiten sieht der Senat, um Quereinsteiger, zum Beispiel aus Berufsgruppen, die vom Strukturwandel betroffen sein werden, durch Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für Handwerksberufe zu gewinnen? Welche berufsbegleitenden Angebote bestehen hier oder sind geplant?
14. Wie gewinnt der Senat Kenntnisse und Einschätzungen dazu, welche Berufsgruppen und Branchen vom Strukturwandel besonders betroffen sein werden, und in welcher Weise tauscht er sich dazu mit Unternehmen, Betriebsräten und Gewerkschaften aus?
15. Welche Anreize und Unterstützungsprogramme für Betriebe, die die Zahl der Ausbildungen in den klimaschutzrelevanten Berufen deutlich erhöhen, sind dem Senat bekannt und hält er diese für eine Umsetzung im Land Bremen für geeignet?
16. Erwägt der Senat die Einrichtung einer zentralen Bauberatungs- und In-formationsstelle, in der Bremer Kompetenzen aus dem klimarelevanten Handwerk abzurufen sind?

Dr. Henrike Müller, Philipp Bruck, Robert Bücking, Björn Fecker und Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
Volker Stahmann, Arno Gottschalk, Jasmina Heritani, Gönül Bredehorst, Mustafa Güngör und Fraktion der SPD
Ingo Tebje, Sofia Leonidakis, Nelson Janßen und Fraktion DIE LINKE

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Hier finden Sie die Senatsantworten.

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