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Inhaltliche Positionen

Hier entsteht eine Übersicht über die Positionen der Fraktion DIE LINKE in der Bremischen Bürgerschaft zum Thema Schulentwicklung. Diese wird diesen Spätsommer und Herbst laufend ergänzt. Sollten Sie Interesse an weiteren Positionen oder Fragen haben, schreiben Sie doch einfach an: schulentwicklung@linksfraktion-bremen.de.


Warum „Eine Schule für alle“? 

Spätestens seit der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse ist unstrittig, dass unsere Schulen wenig leistungsfähig sind. Durch eine frühe Selektion nach Klasse 4 wird aber nicht nur das Bildungsniveau insgesamt gehemmt, sondern auch eine soziale Auslese voran getrieben. Schule in Deutschland, aber insbesondere in Bremen, schafft es nicht, Bildung von sozialer Herkunft zu entkoppeln. Soziale Gegensätze werden sogar verstärkt. 

Diesen Problemen stehen in der pädagogischen Diskussion schon lange bekannte Lösungskonzepte entgegen, die durch die Anhörungen des Fachausschusses nochmals von den ExpertInnen bestätigt wurden. Die zwei wichtigsten Erkenntnisse sind: 

- Durch langes gemeinsames Lernen lässt sich soziale Auslese vermeiden bzw. verringern.

- Durch reformpädagogische Maßnahmen und die nötigen Ressourcen lässt sich der Lernerfolg der aller Kinder erheblich steigern. 

Aktuelle Situation in Bremen 

Diesen Erkenntnissen stehen politische Widerstände, oftmals aber auch aktuelle Elternwünsche entgegen. Das Gymnasium genießt den Ruf, eine privilegierte gesellschaftliche Stellung zu sichern bzw. alleine einen Bildungsaufstieg zu ermöglichen. Deswegen glauben viele, es dürfe nicht abgeschafft werden und bemühen sich, ihr Kind dort anzumelden. Zum kommenden Schuljahr sollen über 50% der Kinder der fünften Klasse das Gymnasium besuchen. Dazu kommt, dass das Gymnasium in den bürgerlichen Oppositionsparteien eine starke Lobby hat. 

Rot-grün besitzt offenbar insgesamt nicht den Mut bzw. den Willen, die Auseinandersetzung mit konservativen Eltern und der CDU auszuhalten. Folglich hat die Regierung bereits verlauten lassen, statt „einer Schule für alle“ ein 2-Säulen-Modell einführen zu wollen. 

Inzwischen setzen sich außer uns aber nicht nur die GEW und die GesamtschülerInnenvertretung (GSV), sondern auch der ZentralElternBeirat (ZEB) für eine Gesamtschullösung ein. Daher halten wir es trotz allen Widerständen für möglich, endlich eine zeitgemäße Schulstruktur – oder wenigstens erkennbare Schritte in diese Richtung - durchzusetzen.  

Das 2-Säulen-Modell ist von der Bildungsbehörde noch nicht konkretisiert worden. Es scheint darauf hinaus zu laufen, dass es mindestens acht durchgängige Gymnasien in Bremen geben soll, zu denen 25% der Kinder gehen sollen. Die restlichen 75% sollen in einer neuen Schulform unter einem Dach unterrichtet werden. Ob dies dann eine „Gesamtschule“ wird, ist durchaus fraglich. Es kann passieren, dass in dieser neuen Schule dann nach wie vor bereits in der 5. Klasse sortiert wird, ob die Kinder auf das Abitur vorbereitet werden sollen oder nicht. 

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass in den Stadtteilen gerade viele Schulen versuchen, sich in ein Gymnasium umzuwandeln. Dies ist eines der zentralen Probleme, mit dem sich die Beiräte in den Stadtteilen konfrontiert sehen. Es ist daher notwendig, sich auf die Diskussion um neue Gymnasien einzustellen.

Eltern wünschen nicht das Gymnasium, sondern eine garantierte, qualitativ hochwertige Bildung

Wir denken, dass der Elternwunsch nicht das Gymnasium „an sich“ ist, sondern dass alle Eltern sich für ihre Kinder eine qualitativ hochwertige Bildung wünschen, um deren Teilhabe an gesellschaftlichen Möglichkeiten abzusichern.

Eltern wählen in so hohem Maße in der 4. Klasse das Gymnasium an, weil sie hierin die beste Chance sehen, dass ihr Kind eine gute Bildung erhält und wohl wissend, dass Abschlüsse auf Sekundarschulen und Förderschulen kaum Chancen im Ausbildungsbereich bieten.

Bei ihren Anwahlen haben Eltern individuell nur die Möglichkeit zwischen Schulformen zu entscheiden, die zwar alle nicht „das Gelbe vom Ei sind“, zwischen denen man sich aber im Konkurrenz- und Hierarchiesystem einordnen muss, um Perspektiven abzusichern. Und wenn Schulpolitik ein neues, aber wieder nach Hierarchie und Konkurrenz unterteiltes Schulsystem einführt, so werden Eltern weiterhin danach streben, eine in der Rangfolge oben stehende Schulform anzuwählen, um das Bestmögliche für die Zukunft ihrer Kinder herauszuholen.

Wenn allen Eltern nun garantiert wird, dass die Bildung qualitativ so hochwertig ist, dass alle Kinder national und international bei Vergleichen gut abschneiden und auch ihre Integration in die Berufs- und Arbeitswelt problemlos gesichert ist, würde die Entscheidung nicht mehr „Gymnasium“, sondern „Gute Schule für alle“ heißen. Wenn gymnasiales Niveau in diesen Schulen integriert ist, werden Eltern auch bereit sein, ihre gymnasial empfohlenen Kinder dorthin zu schicken.

Das Gymnasium ist nicht so gut, wie viele denken

Durch die Einführung von G8 (Abitur nach 12 Jahren) verschärft sich die Kritik der Eltern und SchülerInnen an der Schulform Gymnasium:

• Große Klassen,

• Verschärfung der Konkurrenz untereinander

• Weitere Verdichtung der kognitiven Lerninhalte

• Zu geringe Vermittlung der Sozialkompetenzen

• Erhöhung der Wochenstundenzahl, wenig Zeit für Freizeitaktivitäten, Sport…

• Im nationalen und internationalen Vergleich erreichen bei PISA nur 8% aller Bremer 15-jährigen SchülerInnen die höchste Kompetenzstufe 5. Die Kinder der Bremer Spitzengruppe hinken – trotz Gymnasien! – den skandinavischen SchülerInnen zwei Jahre hinterher.

Was spricht gegen ein 2-Säulen-Modell?

1. Ein 2-Säulen-Modell hebt die Konkurrenz zwischen den Schularten nicht auf. 25% aller SchülerInnen sollen durchgängige Gymnasien besuchen, 75% der SchülerInnen die zweite Säule.

2. Es arbeitet gegen die allgemeine internationale Tendenz, lange gemeinsam zu lernen: Nur Österreich und fast alle Bundesländer in Deutschland trennen die Kinder nach 4 Jahren. (Hamburg, Schwarz-rot: bald erst nach Klasse 6)

3. Diese Frühauslese hemmt das Leistungsniveau aller Schulen: Hier sei nochmals angeführt, dass nur 8% aller Bremer SchülerInnen bei PISA 2003 die Kompetenzstufe 5 erreichten. Außerdem wies der Vergleich zwischen PISA 2000 und

4. PISA 2003 aus, dass es im Gegensatz zu anderen Schulformen im Gymnasium keinen Zuwachs an Leistungen gegeben hat.

5. Das 2-Säulen-Modell verschärft die soziale Entmischung der Schulen.

6. Es arbeitet somit der Notwendigkeit entgegen, das Bildungsniveau nicht nur der sozial Benachteiligten dadurch anzuheben, dass alle Klassen gut gemischt sind und alle voneinander lernen. Kognitive aber auch soziale Anreize und Herausforderungen erhöhen das Bildungsniveau.

7. Die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Jahre bis zum Abitur führt nicht nur zu den oben beschriebenen Auswirkungen der Verdichtung der Leistungsanforderungen, sondern anhand von Erfahrungen in anderen Bundesländern zu psychosomatischen Erkrankungen, erhöhter Einnahme von Ritalin zur Leistungssteigerung, sozialer Vereinsamung u.v.m.

Eine Schule für alle

Eine Schule für alle ermöglicht langes gemeinsames Lernen, ist leistungsfähig und hebt das Bildungsniveau aller SchülerInnen.

Längeres gemeinsames Lernen verbessert kognitive Leistungen und soziale Kompetenzen aller. Eine Schule für alle verringert die soziale Selektion, sie grenzt SchülerInnen aufgrund ihrer Herkunft nicht aus. Sie wirkt der gesellschaftlichen Entmischung entgegen.

Es gibt keinen fachlichen – und auch wissenschaftlichen – Grund, diesen Schritt nicht zu wagen SchülerInnen in hierarchisch gegliederte Schulsysteme einzusortieren ist keine fachliche Entscheidung, sondern ausschließlich eine politische. (Stichwort Besitzstandswahrung Privilegierter) Unterschiedliche Niveaus können in der Sekundarstufe bei ausreichendem Personaleinsatz durch sog. Binnendifferenzierung. (also ohne Trennung der Lerngruppen) Optimal gefördert werden.

Zur Darstellung unserer Konzeption von längeren gemeinsamen Lernen und den nötigen Ausstattungen personell und sachlich wollen wir zu Beginn des nächsten Schuljahres eine kleine Broschüre bereitstellen.