7. September 2018

Neue Optionen im Umgang mit Pyrotechnik im Stadion

Seit den 1980er Jahren nutzen Fußballfans Pyrotechnik. Meistens handelt es sich um bengalische Fackeln („Bengalos“), die im europäischen Ausland relativ einfach gekauft werden können aber in Deutschland verboten sind. Bengalos brennen mit einer Temperatur von über 1500 Grad und können nicht mit Wasser gelöscht werden. In der beengten Stadionsituation sind diese Fackeln deshalb zweifellos gefährlich. Wer Pyrotechnik in Fußballstadien zündet, riskiert hohe Strafen und Verfahren wegen Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz. Die Vereine müssen regelmäßig hohe Geldbußen zahlen.

Im Jahr 2010 haben diverse Fangruppen deshalb einen Vorschlag zur kontrollierten Nutzung von Pyrotechnik an den Ligaverband übergeben. In dem Vorschlag sprechen sich die Fan- und Ultragruppen für einen geregelten, legalen Umgang mit Pyrotechnik aus, lehnen aber beispielsweise Böller und Knallkörper, Leuchtspurgeschosse und besonders gefährliches Feuerwerk explizit ab. Die Gespräche mit DFB und DFL scheiterten nach rund 2 Jahren.

Seitdem ist die Nutzung von Pyrotechnik in deutschen Fußballstadien allerdings offensichtlich nicht zurückgegangen. Durch Verbote und teils harte Strafen wird Pyrotechnik im Stadion faktisch nicht verhindert. Vielmehr führt die fortgesetzte Kriminalisierung auch nicht zu mehr Sicherheit: Meistens zünden die Fans bengalische Fackeln mit einer hohen Brenntemperatur aus eng stehenden Menschengruppen auf den Stehplätzen heraus, was die Gefahr von Verletzungen deutlich erhöht. Ein Beispiel für besonders rücksichtslose Nutzung von Pyrotechnik war der Auftritt des HSV im Februar 2018 im Weser-Stadion: Dabei wurden Böller geworfen und Leuchtspurmunition aus dem Oberrang aufs Spielfeld geschossen.

In Dänemark haben Vereine einen anderen Weg eingeschlagen: Brøndby Kopenhagen ließ kalt brennende Pyrotechnik entwickeln, die im September 2017 ein offizielles CE-Prüfzeichen der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) erhalten hat und seitdem theoretisch europaweit zugelassen ist. Dieser Stoff ist vergleichbar mit Pyrotechnik, die bei Konzerten nach einer entsprechenden Genehmigung zum Einsatz kommt. Werders Vereinspräsident Hess-Grunewald hat angekündigt, die Erfahrung von Brøndby zu verfolgen: „Pyro wird uns so oder so weiter begleiten […] und ich will mir später nicht vorwerfen lassen, nicht alle Möglichkeiten bei diesem Thema geprüft zu haben“ (https://www.weser-kurier.de/werder/werder-bundesliga_artikel,-werder-prueft-kalte-pyrotechnik-_arid,1741625.html).

In Israel wird seit August 2018 ein ähnliches Pilotprojekt durchgeführt: „Im Rahmen des Pilotprojekts sollen laut israelischen Medienberichten Fans Pyro zünden dürfen, die dafür zuvor von den staatlichen Behörden zertifiziert wurden“ (https://www.faszination-fankurve.de/index.php?head=Pilotprojekt-Legalisierung-von-Pyrotechnik-in-Israel&folder=sites&site=news_detail&news_id=18707). Solche Erlaubnisse gibt es auch beim US-amerikanischen Fußballclub Orlando City für entsprechend geschulte Fans in bestimmten Bereichen des Stadions. Grundlage ist jeweils überprüfte und nicht-toxische Pyrotechnik. In Schweden diskutiert der Ligaverband vergleichbare Reformen. Der Geschäftsführer der schwedischen Profiliga erklärte gegenüber der ZEIT, dass die Verbotspolitik nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht habe sondern verändert werden müsse: „Wenn man etwas macht und merkt, dass es nicht funktioniert, ist man ziemlich dumm, wenn man versucht, es weiter zu machen" (https://www.zeit.de/sport/2017-07/pyrotechnik-stadion-fussball-daenemark-loesung).

In Deutschland machte zuletzt Niedersachsens Innenminister Pistorius einen Vorstoß für kontrollierte Nutzung von Pyrotechnik beim Fußball.

Wir fragen den Senat:

1.    Bei wie vielen Spielen haben Sicherheitsdienst und Polizei bei Spielen im Weser-Stadion seit 2011 verbotene Pyrotechnik beschlagnahmt (bitte die jeweilige Begegnung mit Datum angeben)?

2.    Wie oft wurde demgegenüber im selben Zeitraum verbotenerweise Pyrotechnik im Weser-Stadion gezündet (bitte die jeweilige Begegnung mit Datum angeben)?

3.    Welche konkreten Informationen hat der Senat darüber, ob seit dem Scheitern der Gespräche über eine kontrollierte Nutzung von (genehmigter) Pyrotechnik zwischen Fangruppen und Fußballverbänden im Jahr 2011 eine Reduzierung der Pyro-Vorfälle festgestellt werden konnte?

4.    Liegen dem Senat in diesem Zusammenhang Statistiken der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS), der Innenministerkonferenz oder andere Stellen für den Bund oder das Land Bremen vor und wenn ja: was sagen diese Statistiken über die Entwicklung der Fallzahlen seit 2011?

5.    Hält der Senat den bisherigen repressiven Umgang im Kampf gegen Pyrotechnik auf dieser Grundlage für zielführend, angemessen und verhältnismäßig? Wenn ja: Warum? Wenn nein: Welche Schlussfolgerungen zieht der Senat hieraus?

6.    Wie bewertet der Senat die Möglichkeit, über kontrollierte Verfahren in bestimmten Bereichen und auf Grundlage der von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung zertifizierten Pyrotechnik aus Kopenhagen einen Modellversuch für „ungefährliche kalte Pyrotechnik“ zu erlauben um damit auch die erheblich gefährlichere Nutzung der bisher gängigen Fackeln zu reduzieren und möglichst zu vermeiden?

7.    Welche brandschutztechnischen und gesundheitsrechtlichen Voraussetzungen müssten erfüllt sein, damit eine legale Nutzung von Pyrotechnik im Stadion genehmigungsfähig wäre?

8.    Steht der Senat wegen der unter 6. und 7. angesprochenen Thematik in Kontakt mit Werder Bremen, dem Ligaverband und den anderen Innenministerien?

Kristina Vogt und Fraktion DIE LINKE<xml></xml>