11. März 2014

Der weibliche Körper ist politisch

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Fotos & Video: mh

Auf sein Aussehen zu achten und sich durch Mode, Kosmetik, Tattoos, Sport etc. herzurichten ist gesellschaftlicher Mainstream.

Die Anpassung an Körpernormen, wie sie beispielsweise durch Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“ vermittelt werden, ist jedoch nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern kann zu psychischen oder physischen Krankheiten wie Depressionen oder Magersucht führen. Besonders häufig sind Frauen und Mädchen hiervon betroffen.

Anlässlich des Internationalen Frauentages hat die Linksfraktion am 9. März 2014 die Politologin und Journalistin Dr. Antje Schrupp zu einem Vortrag zum Thema eingeladen, zu dem - trotz des sehr guten Wetters - so viele Interessierte kamen und mit diskutierten, dass in den ersten 30 Minuten ständig neue Sitzgelegenheiten herangeschafft werden mussten.

War es früher für Frauen noch wichtig zu sagen „Mein Körper gehört mir“, um gegenüber gesellschaftlichen Erwartungshaltungen ein Selbstbestimmungsrecht geltend zu machen, lässt sich heute wieder verstärkt ein Trend zur körperlichen Selbstoptimierung und Unterwerfung an klischeehafte Weiblichkeitsvorstellungen beobachten.

Doch wo fängt diese Zurichtung an? Erst bei extremen Eingriffen, wie den in jüngster Zeit in Mode gekommenen operativen Vaginalverjüngungen, die auf den zunehmenden Druck hinweisen, sich nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im Intimen auf eine bestimmte Art zu präsentieren, sich gar an einer Pornoästhetik zu orientieren? Oder ist es bereits übertrieben, wenn frau morgens eine Stunde im Bad braucht um sich zurecht zu machen, vielleicht auch um Anforderungen an ein gepflegtes Äußeres im Job zu entsprechen?

Die linke Bürgerschaftsabgeordnete Claudia Bernhard wies zudem darauf hin, dass eine Rückentwicklung, was die Spielräume für Frauen, insbesondere für einen selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Körper angehe, sich auch in vielen anderen Kontexten zeige. So beispielsweise auch bei dem Trend zu Kaiserschnitten, die die natürliche Entbindung immer stärker als risikobehaftet und unnötig schmerzhaft und langwierig erscheinen läßt. Dabei sei eine echte Wahlfreiheit unter den gegenwärtigen Bedingungen im Gesundheitssystem und der bedrohten beruflichen Existenz von Hebammen oft gar nicht mehr gegeben.
Inszenierungen und Körpermodifikationen demonstrieren soziale Zugehörigkeit und finden immer auch bezogen auf bestimmte Szenen statt.

Problematisch kann es laut Schrupp dann werden, wenn bestimmte Weiblichkeitsbilder und gephotoshoppte Darstellungen in den Medien das gesellschaftliche Bild prägen und zur Norm werden. Statt Vielfalt anzuerkennen werde dann eine Einteilung von Körpern in bessere und schlechtere vorgenommen – und so der Mode- und Schönheitsindustrie immense Gewinne dadurch verschafft, dass ein bestimmtes Schönheitsideal angestrebt wird und vermeintliche Defizite kaschiert werden sollen.

Hinzu kommen Technologien, wie beispielsweise Hightech-Prothesen, die nicht nur Defizite des Körpers ausgleichen, sondern diesen sogar verbessern können und die natürlichen Grenzen der Selbstmodellierung zum Verschwinden bringen. Das so genannte Cyborg-Konzept sei aber nicht grundsätzlich zu verdammen, so Schrupp, denn es ermögliche auch Freiheiten und einen spielerischen Umgang mit der Selbstdarstellung wie bei virtuellen Avataren.

Außerdem gab sie zu bedenken, dass es eine normale, ursprüngliche Körperlichkeit nicht gibt und eine einfache Gegenüberstellung von natürlich vs. künstlich nicht weiterführe. Tatsächlich würden wir alle immer auf irgendeine Art und Weise performen – auch ein unscheinbares Äußeres sei ein Statement.

Wichtig sei es ihrer Meinung nach, Vielfalt zu fördern und Schönheitsstandards mit Gegenentwürfen zu begegnen, wie es beispielsweise DickenaktivistInnen tun, wenn sie ihr Fett provokant in Szene setzen, anstatt es zu verstecken. Ebenso wirksam könne es sein, in der direkten sozialen Interaktion bestimmte Handlungen immer wieder zu hinterfragen, also beispielsweise der Freundin zu sagen, dass ihr die grauen Haare ebenso gut stehen wie die gefärbten.

Stefanie Möller

Ausschnitte von der Veranstaltung können Sie sich hier im YouTube-Video ansehen.