Bürgerschaftspräsidium und Senatsbank waren endlich einmal fest in weiblicher Hand. Nein, Bremen hat keine neue Regierungsmannschaft bekommen und die Bürgerschaft keine neue Präsidentin. Aber HILDA war da.
Etwa 20 junge Frauen hatten sich mit ihrer Lehrerin zu einer Besichtigungstour in die Bremer Volksvertretung aufgemacht und hatten gleich beherzt die begehrtesten Plätze des Hohen Hauses besetzt. Davon können viele Abgeordnete aus Stadtbürgerschaft und Landtag nur träumen…
HILDA steht für „Hauptschulabschluss: Interessant Lernen, Diszipliniert Arbeiten“. Das Projekt der „bras – Arbeiten für Bremen“ ist ein Angebot an Frauen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren, die im Nachhinein ihren Hauptschulabschluss erwerben möchten. Und: HILDA steht für "Lernen und Arbeiten". Nach einer Tour durch die denkmalgeschützten Gebäude stellte sich die Bremer Bürgerschaftsabgeordnete der LINKEN, Inga Nitz den Fragen der Schülerinnen. Die Parlamentarierin traf die jungen Frauen im Plenarsaal und erzählte ausführlich und offen von ihrer parlamentarischen Arbeit. Und viele der jungen Frauen hörten voller Interesse zu. Was ist ein parlamentarischer Ausschuss? Wie stellt man einen Antrag? Können auch Bürgerinnen und Bürger im Parlament reden? Kann man einer Parlamentsfraktion Vorschläge machen? Wer darf wann wie lange reden? Wozu dienen die Saalmikrofone? Das Interesse am praktischen Funktionieren eines waschechten Landesparlamentes war groß und die oft so undurchsichtigen Zuständigkeiten und Verflechtungen zwischen Bundestag, Bundesrat, Landesparlament, Regierungschef, Bürgermeister, Fraktion und Abgeordneten konnte – quasi in einem politischen „Crash-Kurs“ - immerhin ansatzweise geklärt werden.
Inga Nitz zeigte sich als charmante und aufgeschlossene Gesprächspartnerin, der keine Frage zu abwegig erschien. Und sie war beeindruckt vom lebhaften Interesse und der Anteilnahme einzelner Schülerinnen. „Wie kann es sein, dass der kleine Kevin von seinem Stiefvater misshandelt und getötet wurde? Haben da nicht auch das Parlament und die Sozialbehörden versagt?“ Die Abgeordnete nickte nachdenklich. „Ja, da haben viele versagt. Und da läuft augenscheinlich immer noch vieles falsch. Denn wenn im Sozialbereich immer mehr gespart wird, wenn es zu wenige Menschen gibt, die sich um die Probleme der Menschen vor Ort kümmern, dann müssen wir uns im Parlament nachdrücklich für Veränderungen und für nachhaltige Verbesserungen einsetzen. Etliche junge Frauen nickten. Und sie versprachen, wiederzukommen. Mit ihrer Lehrerin werden sie die Tagesordnungen der nächsten Sitzungen der Bremischen Bürgerschaft durchsehen und wollen bei einer der nächsten Debatten auf der Zuschauertribüne Platz nehmen. Die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linksfraktion freut sich schon darauf.
Dr. Dieter Fricke (Text und Foto)